Deine Gefühle lügen nicht.
Aber manchmal reden die falschen.
Carola Scotoni Berger · Juni 2026 · 5 Minuten Lesezeit
Es gibt Momente, in denen ich weiss: Hier stimmt etwas nicht. Ich bin wütend und spüre gleichzeitig, dass es nicht wirklich Wut ist. Oder ich fühle mich schuldig, obwohl ich genau weiss, dass ich nichts falsch gemacht habe. Oder ich bin traurig, aber die Tränen kommen nicht; stattdessen kommt Gereiztheit.
Kennst du das?
In meiner Arbeit als Beraterin und Coach erlebe ich das regelmässig. Menschen sitzen mir gegenüber und sagen: „Ich weiss gar nicht, was ich eigentlich fühle." Oder: „Ich reagiere immer wieder gleich und verstehe selbst nicht warum."
Das hat einen Namen. Und einen Grund.
Gefühle, die wir gelernt haben und Gefühle, die wirklich sind
Fanita English, eine Pionierin der Transaktionsanalyse, hat das so beschrieben: Kinder lernen früh, welche Gefühle erlaubt sind und welche nicht. Wer als Kind wütend wurde und dafür bestraft wurde, hat vielleicht gelernt: Wut ist gefährlich. Besser ich weine. Oder ich schweige. Oder ich fühle mich schuldig.
Diese Ersatzgefühle sind keine Lüge. Sie waren einmal überlebensnotwendig. Sie haben uns Schutz gegeben, Zuwendung, Zugehörigkeit. Das Problem: Wir tragen sie noch heute mit uns in Situationen, in denen wir sie gar nicht mehr brauchen.
Ein Ersatzgefühl ist ein gelerntes Gefühl. Das echte Gefühl wartet darunter.
Drei Beispiele, die vielleicht bekannt vorkommen:
Mia erfährt, dass ihre beste Freundin wegzieht. Statt Trauer kommt Wut: "Typisch, du denkst nur an dich." Sie streitet, obwohl sie eigentlich traurig ist. In ihrer Familie war Weinen
schwach — wütend sein war erlaubt.
Thomas wird vor dem Team unfair kritisiert. Statt Empörung kommen Schuldgefühle: "Ich hätte es besser machen sollen." Er entschuldigt sich sogar. Als Kind war Wut gegenüber Erwachsenen streng verboten.
Sara bekommt eine tolle neue Stelle. Statt Vorfreude kommt sofort Angst: "Das wird schiefgehen." In ihrer Familie galt Stolz als Angeberei — Sorgen machen als verantwortungsbewusst.
Warum das wichtig ist
Es geht nicht darum, Gefühle zu bewerten oder zu kategorisieren. Es geht darum zu verstehen, was uns wirklich antreibt und was uns blockiert.
Echte oder adäquate Gefühle haben eine Kraft. Sie zeigen uns, was wir brauchen. Sie leiten uns zu Handlungen, die uns wirklich weiterbringen:
Trauer | gibt uns die Kraft loszulassen, zu würdigen, neu anzufangen.
Wut | gibt uns die Kraft, Grenzen zu setzen und für uns einzutreten.
Angst | gibt uns die Kraft, uns vorzubereiten und uns zu schützen.
Freude | gibt uns die Kraft, zu verbinden, zu gestalten, zu wagen.
Ersatzgefühle dagegen halten uns fest. Sie rechtfertigen Nicht-Handeln. Sie lassen uns im Kreis drehen. Nicht weil wir schwach sind, sondern weil wir gelernt haben, sie zu benutzen.
Was du heute tun kannst
Ich lade dich zu einem kleinen Experiment ein. Nicht als Übung, die du "richtig" machen musst. Einfach als Impuls.
Impuls für diese Woche
Wenn du das nächste Mal eine starke Emotion spürst, halte kurz inne. Frag dich nicht "Warum fühle ich das?" (das führt meistens in den Kopf). Frag stattdessen: Was brauche ich gerade wirklich? Was würde mir gut tun — nicht irgendwann, sondern jetzt? Das echte Gefühl zeigt sich oft in dieser Lücke zwischen Reaktion und Bedürfnis.
In meiner Beratungsarbeit begleite ich Menschen genau an diesen Stellen. Nicht um Gefühle zu "reparieren", sondern um herauszufinden, was wirklich da ist. Und was das mit dir, deinen Beziehungen und deinem Handeln zu tun hat.
Wenn das bei dir einen Nerv getroffen hat: Ich freue mich über eine Nachricht.